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Jedes JA ist auch gleichzeitig an NEIN | 2026-E04

Pierre Fey
Pierre Fey
Wann hast du das letzte Mal Ja zu etwas gesagt, von dem du schon beim Zusagen wusstest, dass es ein Fehler war?

Eine Mail. Ein Termin. Ein Projekt. Ein Gefallen.

Wenn es dir geht wie den meisten Menschen, dann liegt diese Situation maximal 48 Stunden zurück. Wir tun das ständig. Wir sagen Ja zu Dingen, die wir nicht wollen, und wir wissen es sogar und machen es trotzdem. Genau darüber will ich heute mit dir sprechen.
 

Der Mittwochabend an dem ich es verstanden habe

Letzten Mittwochabend sitze ich da und warte eigentlich auf eine wichtige Mail.
 
Mein Handy macht "pling", ich öffne es, sehe eine Kunden-Mail mit einem bestimmten Betreff.

Zehn
Minuten später habe schicke ich die Antwort raus.
 
Direkt danach der Gedanke: "Pierre, du Idiot. Du hattest doch andere Prioritäten. Wieso schreibst du dem jetzt?"
 
Ich war 2025 schon zu viel zu vielen Dingen Ja gesagt. Projekte. Calls. Termine. Vor allem ein Projekt, vor dem mich meine Frau gewarnt hatte. Ich habe es trotzdem gemacht, aus Gründen. Es war eine totale Katastrophe.
 
Und an diesem Mittwochabend ist mir endgültig klar geworden, was das ganze Jahr schief lief.
 

Der neue Standard heisst: MEHR!

Schau dir mal an, was sich in unser Leben eingeschlichen hat.

Mehr Freunde, die eigentlich keine Freunde sind.
Mehr "den Leuten zeigen, wie toll wir
sind".
Mehr Möglichkeiten.
Mehr Instagram.
Mehr Konsum.
Mehr Termine.
Mehr Events.
Mehr Deko.
Mehr Geld.
Mehr
KI.

Mehr von allem.

Bei so vielen Optionen fühlt sich Nein-Sagen plötzlich an wie ein Verlust. Als würde uns etwas durch die Finger rinnen.

Wer mag schon Verlust? Wer hat schon Lust, andere zu enttäuschen? Wer will Konflikt, Erklärungsdruck, das unangenehme Gespräch? Keiner. Also sagen wir Ja. Und wir vergessen, dass es Nein überhaupt gibt.

Du folgst irgendwann nur noch deinen Ja's. Dein Gehirn baut einen Automatismus daraus, ein Muster, das immer wieder abläuft, bis du es bewusst unterbrichst.

Das ist der
Zeitpunkt, an dem du zum Ja-Sager geworden bist.

Das Prinzip, das alles verändert

Hier ist die eine Sache, die ich verstanden habe und die alles ändert:

Jedes Ja ist gleichzeitig ein Nein. Und jedes Nein ist gleichzeitig ein Ja.

Das funktioniert in beide Richtungen.

Du sagst Ja zu jedem Termin → Nein zu Fokuszeit.
Du sagst Ja zu Netflix-Folge fünf → Nein zu dem Gespräch mit deinem Partner, das gerade wichtig gewesen wäre.
Du sagst Ja zum Impulskauf → Nein zur Reise nach Spanien.
Du sagst Ja zu jeder Push-Benachrichtigung → Nein zu zwei Stunden Deep Work.
Du sagst Ja zu einer Meinung, die du nicht teilst, weil es bequemer ist → Nein zu deinem eigenen Standpunkt. Und damit zu dir selbst.

Und auch umgekehrt:
Du sagst Nein zu jedem Treffen → Ja zur Einsamkeit.
Du sagst Nein zu jedem Risiko → Ja zur Komfortzone.

Es gibt also auch ein falsches Nein, das in Wahrheit ein falsches Ja ist.

Warum das dein Zukunft negativ beinflusst

Stell dir vor, dein Leben hat ein Spektrum möglicher Zukünfte. Eine bevorzugte Zukunft die, die du leben willst. Träume, Ziele, das Leben in fünf, sieben, zehn Jahren.

Und parallel: eine wahrscheinliche Zukunft. Die, auf die du mit deinem aktuellen Verhalten zusteuerst.

Beispiel: Wenn du dein Leben lang schlecht isst, nie Sport machst und bei 1,60 m 120 Kilo wiegst dann ist die wahrscheinliche Zukunft Knieschmerzen, Rückenschmerzen, größere Klamotten, Anstrengung bei allem.

Das ist nicht die bevorzugte Zukunft.

Aber es ist die, auf die du zuläufst, wenn du nichts änderst. Auf dem Weg dorthin stehst du an Hunderten Entscheidungspunkten. Mal klein, mal lebensverändernd. Und an jedem dieser Punkte musst du wählen: Bringt mich dieses Ja näher zu meiner bevorzugten Zukunft oder weiter weg?

Wenn du Fernfahrer werden willst, aber ständig Ja zu Uni und Familie und teurem Hobby sagst, wirst du kein Fernfahrer. So einfach ist das. Und so brutal.

Was du gibst und nie wieder zurück bekommst

Ein Euro, einmal ausgegeben, ist weg.
Eine Stunde, einmal verschenkt, ist weg. Aufmerksamkeit, einmal gerichtet, ist weg.

Die Ökonomen nennen das Opportunitätskosten.

Die Kosten einer Entscheidung sind nicht nur das, was du tust, sondern alles, was du dadurch nicht mehr tun kannst.

Aufmerksamkeit ist aus meiner Sicht die wertvollste Währung überhaupt geworden.

Alles buhlt darum: dein Handy, die Werbung, deine Freunde, Algorithmen. Und wenn du zwei Stunden auf Instagram doomscrollst, sind diese zwei Stunden weg. Sogar ohne Gegenwert.

Bei Geld kannst du wenigstens noch sagen: "Okay, ich habe Deko gekauft, jetzt fühle ich mich zu Hause wohler."

Bei verlorener Aufmerksamkeit gibt es oft nicht mal das.

Was dazukommt: der mentale Workload.
All die Termine, die du zugesagt hast. All die Verpflichtungen, die du dir aufgehalst hast. All die Treffen, zu denen du keine Lust hast. Das belastet dein System mit Zeug, das in deinem Leben de facto keine Rolle spielen sollte.

Wie mein Kalender zum Kalender des Todes wurde

Vor einem dreiviertel Jahr sah mein Montag so aus:

Start kurz nach acht. Termin. Termin. Termin. Termin. Termin.Bis mittags um drei.

Keine Toilettenpause. Kein Essen. Keine Fokuszeit. Nur ein Gespräch nach dem anderen, weil ich zu jedem Termin Ja gesagt hatte. Kunden hier. Absprache da. Mitarbeitergespräch. Quick-Call. Status-Update.

Schrecklich.

Ich war gestresst, genervt, habe Fehler gemacht. Weil mir die Fokuszeit fehlte, etwas wirklich gut zu machen.

Heute sieht mein Kalender fast aus wie ein weißes Blatt Papier. Und ich arbeite besser. Ruhiger. Klarer.

Das andere Beispiel war das Projekt, vor dem mich meine Frau gewarnt hatte. Indem ich Ja zu diesem einen Projekt gesagt habe, habe ich Nein gesagt zu meiner Zeit, Nein zu meinem Fokus, Nein zu den internen Prozessen, die ich verbessern wollte, Nein zu drei anderen Projekten, die ich nicht mehr machen konnte.

Ein Ja. Fünf Neins. Und keins davon habe ich bewusst gewählt.

Warum wir trotzdem JA sagen

Bei einem Nein hast du das Gefühl, dich erklären zu müssen.Niemand zwingt dich, aber das Gefühl ist da. Unangenehm.

Bei einem Nein musst du eingestehen, dass deine Prioritäten andere sind als die, die andere von dir erwarten. Auch das ist unbequem.

Bei einem Nein ist die Chance auf Konflikt einfach höher. Und viele scheuen sich davor.

Ein Ja ist sozial der Weg des geringsten Widerstands. Schneller. Glatter. Vermeidet das schwierige Gespräch.

Deshalb sagen wir Ja. Auch wenn wir nicht wollen.

Was du ab jetzt dagegen tun kannst

Du musst dich nicht für jedes falsche Ja geißeln. Fang mit Achtsamkeit an.

Eine kurze Pause vor jeder Antwort. Bevor du wie eine Rakete auf eine Mail oder eine Nachfrage reagierst, einen halben Schritt zurück.

Drei Fragen, die du dir stellst:

  • Wozu sage ich gerade Ja?

  • Wozu sage ich damit gleichzeitig Nein?

  • Will ich das wirklich?

Du musst noch nichts ändern. Nur bewusst machen.

Dein Gehirn ist eine riesige Datenbank. Sobald der bewusste Verstand einen Filter setzt, fängt es an, Dinge anders zu sortieren. Das geht von alleine, sobald du hinschaust.

Beobachte den inneren Dialog, wenn dir eine Entscheidung schwerfällt. Was läuft da in deinem Kopf?

"Ich kann doch jetzt nicht Nein sagen."
"Was denkt der dann von mir?"
"Wenn ich dagegen gehe, finden mich alle doof."

Diese Sätze sind nicht die Wahrheit. Das sind alte Muster.

Und vertraue wieder mehr deiner Intuition. Wenn dein Bauch sagt "eigentlich will ich das nicht", dann ist das die Antwort.

Hier ist mein Test:

Wenn das Nein, das du mit deinem Ja in Kauf nimmst, sich in Ordnung anfühlt, dann sag Ja. Wenn das Nein wehtut, dann hast du gerade gemerkt, dass das Ja nicht das Richtige war.

Deine Aufgabe für die kommende Woche

Nimm dir einen Zettel.

Wann immer dir diese Woche eine Ja-oder-Nein-Entscheidung schwerfällt, schreibst du vier Dinge auf:

  1. Was war die Situation?

  2. Wofür habe ich mich entschieden? Ja oder Nein?

  3. Was war der innere Dialog dabei?

  4. Wie hat es sich danach angefühlt?

    Mehr nicht.

    Du musst kein Verhalten ändern. Du musst nur sehen, was du tust. Denn wenn du dein Verhalten kennst, kannst du es irgendwann verändern.

    Vorher nicht.

    Bis nächste Woche.
    Pierre

    PS: Die ganze Folge dazu mit allen Beispielen, Gedankenexperimenten und einer Visualisierung der zwei Zukunftsversionen, von denen ich oben geschrieben habe gibt es: 

    im Reframe Podcast bei Apple und Spotify

    Oder auf YouTube

     

     

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